Walk alone
4.....

Am TelefonMeine Hände zittern ganz leicht, aber es ist keiner da, der es bemerken könnte. Ich nehme den Telefonhörer ab, entwirre langsam und penibel die Schnur, streiche die Falten in meiner Hose glatt und wähle eine Nummer. Ich habe kein besonders gutes Gedächtnis, meine Bewegungen sind zäh, unsicher, schwer. Sie hebt ab und sie weiß gleich, dass ich es bin, ich merke, wie ihr Lächeln erstirbt.
"Was willst du?" Sie beginnt unseren Dialog.
"Treffen. Dich. Morgen?"
"..."
"Ich weiß", beginne ich nach einem unterdrückten Seufzer, "dass du keine Zeit für mich hast. Ich verstehe, dass du dich nach unserer gemeinsamen Zeit von mir absetzen möchtest, aber ich bin morgen ohnehin in M. und da dachte ich, dass ich dir deine Sachen vorbeibringen könnte."
"Bring sie ins Café, ich hole sie dort ab."
"Du kennst mich. Ich werde dort auf dich warten." Verzweifelt füge ich hinzu: "Du bekommst deinen Krempel nicht, ohne dass du mich siehst und mit mir ein paar Worte wechselst."
"Wir wechseln gerade schon genug Worte für die nächsten Jahre."
Ich verstehe ihren Ärger, man hat ihr so viel über mich erzählt, dass ich mich vor mir selbst ekele, dass ich nicht mehr in den Spiegel schauen kann und mich frage, wie ich ihr das antun konnte, mit ihr zu schlafen. Ich sehe ihr bitteres Lächeln, ihre angespannte Mimik, die sich nur selten lockerte, auch jetzt noch vor mir, besonders in den Nächten, in denen ich vor lauter Selbstvorwürfen nicht schlafen kann. Ich möchte ihr sagen, gib mir noch eine Chance, fast würde mir dann "Liebes" über die Lippen gleiten, weil es in den letzten Wochen selbstverständlich geworden ist.
Wenn wir morgens im Bett lagen und die Wolken durch die geschlossenen Gaze-Vorhänge noch immer betrachten konnten, dann schmiegte sie sich oft an meinen Arm, küsste mich auf die Schulter und sagte mir, indem sie sich noch ein Stück näher schob, dass ich sie nie belügen dürfe, nie. Schon damals wusste ich, dass es kein gutes Ende nehmen konnte, aber ich war zu sehr in meinem Egoismus gefangen, in meiner Freude, dass ein Mädchen wie sie an einem Mann wie mir Gefallen finden konnte.
"Du musst mir keine Chance geben", murmle ich stattdessen. "Ich möchte dich nur noch einmal.. sehen."
"Mach dich nicht lächerlich, E., du hast mich oft genug gefickt und alles von mir gesehen, alles."
In solchen Momente, so gut kenne ich sie schon, neigt sie oft zu Kraftausdrücken, obwohl sie sich damit selbst verletzt, weil sie es nicht erträgt, wenn man sich einer so vulgären Sprache bedient. Fast unterliege ich der Versuchung, sie in die Ecke zu drängen, sie festzunageln und ihr genüsslich das Wort "ficken" in einzelnen, gigantischen Buchstaben an den Kopf zu werfen. Ich lasse es bleiben.
"Im Gegensatz zu mir bist du immer noch von dem egozentrischen Gedanken beseelt, dass ich dir Unrecht getan habe, dabei merkst du nur leider nicht, dass sich der Spieß längst umgedreht hat, dass du in meinen Wunden bohrst und nicht ich in deinen, dass du mit Steinen wirfst, obwohl du nur zu gut weißt, dass du in einem Glashaus sitzt."
"Spiel dich nicht auf. Du hast nichts verstanden."
"Mag sein, dass ich in deinen Augen nur der Bösewicht bin, dass mein Leben vor allem von sexuellen Motiven bestimmt wird, aber dann erlaube ich mir dir zu sagen, dass du dich irrst, dass du noch viel lernen musst. Irgendwann wirst du einsehen, dass die Welt nicht schwarzweiß ist und du schon gar nicht immer in der weißen Hälfte wohnst."
"Siehst du, du hörst nicht auf mit deinen ekligen Selbstverherrlichungen, die ohnehin nur deswegen für wenige Momente zum tragen kommen, weil du ein paar Jahre mehr mit dir herumträgst -"
"Still."
Ich schaue wehmütig auf die Wählscheibe, auf der manche Ziffern mehr und manche weniger von Staub bedeckt sind. Sie hat sich verändert, das weiß ich jetzt. Ich habe ihr ein Krebsgeschwür eingepflanzt oder sie tat es selbst, aber was macht das schon, sie konnte und wollte es nicht entfernen, sich auch nicht dabei helfen lassen. Jetzt sitzt sie in ihrem Blut und hat Angst vor dem Tumor, der sich in ihr ausbreitet.
Ein letztes Blinzeln, dann lege ich auf.
10.8.06 21:38
 


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